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The Phantom Void: Long Distance Callings cineastische Reise in das Herz der Nacht

Wie immer bei Platten-Reviews will ich mich erst einmal mit der Vinyl befassen, mit der Haptik und Optik. Ich bekam die Platte einen Tag vor Ostern und genau eine Woche vor der Veröffentlichung, deswegen hatte ich auch nicht die Zeit, mich mit dem Album allzu sehr zu befassen. Also: auspacken, auf den Ständer, kurz „reinhören“ und dann habe ich die Platte fast vergessen. Bis ich abends das Licht ausmachte und auf einmal leuchtete etwas Grünes in der Ecke des Zimmers. Ja, es war das neue Album der Jungs!

Einige Details auf dem Cover wurden mit fluoreszierender Farbe veredelt, und es sieht einfach grandios aus. Ein weiteres Merkmal in Haptik und Optik ist die Gestaltung: Man kann die Platte hinlegen, nach oben aufmachen und es sieht aus wie ein Bild – ein Deko-Element in der Wohnung, auf das man stolz sein kann. Ein haptischer Genuss, der perfekt auf das vorbereitet, was musikalisch folgt: das neue Long Distance Calling Album.

Wenn Albträume eine Stimme bekommen

Auch wenn es sich nicht um ein klassisches Konzeptalbum handelt, verbindet die Songs ein klar erkennbarer roter Faden. Gleich zu Beginn zieht uns eine verfremdete Stimme als „Albtraum“ im Intro „Mare“ tief ins Unterbewusstsein. Erst im abschließenden Stück „Sinister Companion“ wird ihre Identität enthüllt – und selbst dann bleibt genug Raum für eigene Interpretationen. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Orientierung und Freiheit hat mich beim Hören dieses Long-Distance-Calling-Albums besonders gefesselt.

Hollywood-Atmosphäre aus dem Münsterland

Man spürt deutlich, dass die Band nach über zwanzig Jahren nichts mehr beweisen muss. Sie agiert mit beeindruckender Souveränität und wirkt dabei nahezu mühelos. Das neue Album ist deutlich cineastischer ausgefallen als frühere Werke. Gemeinsam mit Regisseur Felix Julian Koch entstand sogar ein Kurzfilm, der drei Songs visuell miteinander verknüpft und das gesamte Hörerlebnis zusätzlich intensiviert.

Musikalisch bewegt sich das Album ständig zwischen Spannung und Auflösung. „The Spiral“ greift die dichte Atmosphäre des Intros auf, löst sie mit einem zunächst chaotisch wirkenden Gitarrenspiel und entwickelt daraus einen mitreißenden Groove. „Nocturnal“ zählt für mich zu den Höhepunkten: Hier verschmelzen Post-Metal-Elemente mit treibenden Double-Bass-Passagen, während sphärische Synthesizer eine düstere, fast schon filmische Horrorstimmung erzeugen. Es ist Post-Rock, der klingt, als würde er direkt für die große Leinwand komponiert sein.

Zwischen Wucht und Stille

Der Titeltrack „Phantom Void“ zeigt eindrucksvoll, wie gekonnt die Band mit Dynamik spielt. Extreme Wechsel zwischen laut und leise, zwischen voller Energie und abrupten Ruhephasen, werden hier bis zum Maximum ausgereizt – ohne jemals gekünstelt zu wirken. Alles fließt organisch ineinander. Wer es etwas härter mag, dürfte besonders an „Shattered“ Gefallen finden: ein dichter, beklemmender Track, der gegen Ende eine nahezu erdrückende Intensität entwickelt.

Im Vergleich zum Vorgänger „Eraser“ wirkt „The Phantom Void“ insgesamt ausladender und experimentierfreudiger. Die Band öffnet ihren ganz eigenen Klangkosmos und schafft es dabei, die Außenwelt für einen Moment komplett auszublenden.

Fazit: Pflichtstoff für die Sammlung

Für mich ist das neue Album von Long Distance Calling ein echtes Herzenswerk. Die Kombination aus starker visueller Ästhetik, dem begleitenden Kurzfilm und der konstant hohen musikalischen Qualität überzeugt auf ganzer Linie. Die Band erschafft erneut ein instrumentales Epos, das durchgehend spannend bleibt. Wer Lust auf eine intensive, fast träumerische Klangreise hat, sollte dieses Album unbedingt hören – es lohnt sich.

The Phantom Void
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