Arlo Parks verwandelt das Carlswerk Victoria in einen elektronischen Klangraum voller Emotionen. Ein Konzert zwischen pulsierenden Beats, intimen Momenten und einer außergewöhnlichen Verbindung zwischen Künstlerin und Publikum.
Manchmal braucht es einen Abend, an dem man einfach nur da ist. Keine Kamera in der Hand, kein Blick durch den Sucher, kein Gedanke an den nächsten Bildausschnitt. Einfach Musik hören, die Augen schließen und den Moment genießen. Für mich war das Konzert von Arlo Parks am 30. Oktober 2026 im Kölner Carlswerk Victoria genau so ein Abend. Und vielleicht war es gerade deshalb eines der intensivsten Konzerterlebnisse der letzten Zeit.
Was mich an diesem Abend erwartete, war weit mehr als ein gewöhnliches Konzert. Es war eine musikalische Reise, eine emotionale Achterbahnfahrt und für mich persönlich beinahe eine Katharsis. Ein Abend, der sich reinigend anfühlte und bei dem zwischen Tanzen und Weinen, zwischen Loslassen und Innehalten, eigentlich jede Emotion ihren Platz fand. Das Gefühl, das am Ende am stärksten blieb, war Geborgenheit.
Eine Bühne wie ein elektronisches Klanglabor
Schon der Bühnenaufbau machte deutlich, dass Arlo Parks an diesem Abend andere Wege gehen würde. Statt einer klassischen Bandaufstellung stand im Zentrum ein leuchtender Produktionstisch, bestückt mit Synthesizern und Soundboards. Die Musiker agierten dort weniger wie eine traditionelle Band, sondern vielmehr wie ein experimentelles DJ-Kollektiv. Es wirkte wie eine musikalische Produktionszentrale, in der Klänge erschaffen, verändert und miteinander verwoben wurden.
Auch die Lichtgestaltung war alles andere als gewöhnlich. Die Bühne blieb überwiegend düster und atmosphärisch. Moderne LED-Technik und Projektionen auf der rückwärtigen Wand bestimmten das visuelle Bild. Dichter Nebel, präzise gesetzte Lichtakzente und ein faszinierendes Spiel aus Licht und Schatten schufen immer wieder neue Stimmungen.
Besonders eindrucksvoll waren die Momente, in denen ein regelrechter Lichtvorhang die Bühne teilte und das Geschehen dahinter nur schemenhaft erkennen ließ. Dann wiederum öffnete sich die Szenerie und die Musiker wurden klassischer ausgeleuchtet. Ein großes Kompliment gehört hier der Lichtregie. Licht war an diesem Abend nicht einfach nur Mittel zur Beleuchtung, sondern ein eigenständiger Teil der Inszenierung.
Das Zusammenspiel aus Musik, Projektionen, Nebel und Licht wirkte beinahe theatralisch. Auch musikalisch war vieles kontrolliert und präzise umgesetzt. Statt eines improvisierten elektronischen Spektakels erlebte man eine sorgfältig arrangierte Aufführung, bei der die einzelnen Elemente wie Zahnräder ineinandergriffen.
Eine Stimme, die durch jede Klangwand dringt
Im Mittelpunkt stand natürlich Arlo Parks. Und was mich besonders beeindruckte, war ihre Stimme. Trotz drückender Bässe und elektronischer Beats blieb sie jederzeit präsent. Sanft, sicher und glasklar schnitt sie durch die teilweise dichten Klanglandschaften. Sie besitzt diese besondere Fähigkeit, gleichzeitig zurückhaltend und unglaublich ausdrucksstark zu sein.
Ihre Bühnenpräsenz passte perfekt zu diesem Abend. Ich hatte nie das Gefühl, dass hier eine Künstlerin auf einer erhöhten Bühne steht und für ein Publikum performt. Arlo Parks begegnete den Menschen vor ihr auf Augenhöhe. Es schien keine wirkliche Trennung zwischen Bühne und Publikum zu geben. Vielmehr teilte sie ihre Welt mit den Zuschauern und ließ sie an ihren Geschichten und Emotionen teilhaben.
Diese Nähe war nicht auf große Gesten oder spektakuläre Publikumsaktionen angewiesen. Sie entstand durch die Art, wie Arlo Parks ihre Musik präsentierte. Man spürte eine Verbundenheit, die sich durch den gesamten Abend zog.
Zwischen Gänsehaut und pulsierendem Tanzclub
Wer Arlo Parks vor allem mit dem Begriff Bedroom-Pop verbindet, dürfte an diesem Abend eine andere Seite der Künstlerin erlebt haben. Natürlich gab es die leisen, intimen Augenblicke. Einer davon war für mich ganz besonders: „Black Dog“, allein am Klavier vorgetragen. Ohne die elektronische Wucht der übrigen Inszenierung entwickelte der Song eine ganz eigene Intensität. Ein echter Gänsehautmoment.
Doch dieser Abend bestand keineswegs nur aus melancholischen Momenten. Gerade die neueren Stücke verwandelten das Carlswerk Victoria immer wieder in einen pulsierenden Tanzclub. Tiefe Bässe, elektronische Beats und treibende Rhythmen ließen die Halle in Bewegung geraten. Der Wechsel zwischen intimer Atmosphäre und beinahe clubartiger Energie gelang dabei erstaunlich selbstverständlich.
Die Setlist spannte einen Bogen von „Heaven“, das mit einem verlängerten Intro den Abend eröffnete, über „Jetta“, „Weightless“ und „Blades“ bis hin zu „Senses“ und „Beams“. Mit „Super Sad Generation / Second Guessing“ gab es zudem ein Mash-up, während „Eugene“ und „Caroline“ weitere vertraute Momente in den Abend brachten. Auch „Purple Phase“, „South Seconds“, „Impurities“, „Pegasus“ und „Blue Disco“ fanden ihren Platz.
„Floette“ mit verlängertem Outro, „Softly“, „Nightswimming“ und „2SIDED“ führten schließlich in Richtung Zugabe. Mit „Devotion“ und „Get Go“ endete ein Konzert, das musikalisch und emotional viele unterschiedliche Facetten miteinander verband.
Ein Abend, den man nicht fotografieren muss
Vielleicht ist das Persönlichste an diesem Konzertbericht, dass ich diesmal nicht als Fotograf dort war. Seit vielen Jahren besuche ich Konzerte mit der Kamera in der Hand. Ich suche nach dem besonderen Moment, nach dem richtigen Licht, nach dem Ausdruck, der eine Geschichte in einem einzigen Bild erzählt. An diesem Abend musste ich nichts festhalten. Ich durfte einfach erleben.
Und genau das fühlte sich unglaublich gut an.
Arlo Parks schuf mit ihrer Musik einen Raum, in dem man sich fallen lassen konnte. Es war ein Abend, an dem man tanzen, nachdenken, lächeln und vielleicht auch ein paar Tränen verdrücken durfte. Die elektronische Inszenierung hätte auf den ersten Blick kühl wirken können. Doch hinter den Beats, den Bässen und den Lichtinstallationen steckte eine bemerkenswerte Wärme.
Für mich war es eine Art musikalische Reinigung. Ein Konzert, das nicht nur unterhielt, sondern etwas in Bewegung brachte. Vielleicht ist das die größte Qualität von Musik: Sie kann uns für ein paar Stunden aus unserem Alltag herausholen, uns mit uns selbst verbinden und gleichzeitig das Gefühl geben, nicht allein zu sein.
Arlo Parks hat in Köln genau das geschafft.
Manchmal ist das schönste Konzertfoto dasjenige, das man gar nicht macht. Weil man in diesem Moment lieber einfach nur da ist.
Geschrieben von JB der laufende Fotograf für Mikro und manuskript
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