Ich gebe es zu: Als die Nachricht von Jessie J’s neuem Album Don’t Tease Me With A Good Time meine Kopfhörer erreichte, fühlte es sich an wie das Ende einer langen Stille. Fast acht Jahre sind vergangen, seit wir ein vollständiges Studioalbum von ihr in Händen hielten. Das ist in der schnelllebigen Pop-Welt eine Ewigkeit. Doch die Pause erklärt sich durch die Chronik des Lebens selbst. Die englische Sängerin, die wir als Powerhouse mit Pop-Hymnen kannten, hat in dieser Zeit eine tiefgreifende, private Odyssee durchlebt: Morbus Menière, Fehlgeburt, der Kampf gegen den Brustkrebs und das Glück, Mutter geworden zu sein. Dieses Album ist kein einfaches Comeback; es ist ein Manifest des Überwindens.
Don’t Tease Me With A Good Time ist eine mutige, ungefilterte und zutiefst persönliche Sammlung von 16 Songs. Es ist ein musikalisches Kaleidoskop der Gefühle. Es fängt die unverfälschten Höhen und Tiefen des vergangenen Jahrzehnts ein. Die Platte ist nicht einfach nur gut. Es ist das bisher vollständigste, reifste und selbstbewussteste Werk in ihrer gesamten Diskografie. Jessie J hat hier endlich ihren festen Platz gefunden, jenseits der Erwartungen, die ihr der Pomp früherer Hits wie „Bang Bang“ in den USA auferlegte. Sie hat sich entschieden, die Musik selbst zu veröffentlichen und kehrt damit zu ihren Wurzeln zurück.
Von der Stille zur Stimmgewalt
Der erste Satz, den wir hören, setzt sofort den Ton. „I had to surrender to the silence in the noise“ singt sie ohne instrumentale Begleitung in den ersten Zeilen von „Feel It On Me“. Das ist keine Attitüde, das ist Wahrheit. Man spürt die Verpflichtung, sich der Stille ergeben zu müssen, um den Lärm des Lebens zu überstehen. Die Künstlerin hat fünf Jahre lang an dieser Platte gearbeitet. Sie verarbeitete dabei Freude und Schmerz ihres Lebens. Das Resultat ist ein Album, das musikalischen Tiefgang besitzt.
Die stilistische Bandbreite des Albums ist beeindruckend und spiegelt ihre künstlerische Weiterentwicklung wider. Jessie J verbindet mühelos Old-School-Alt-R&B, eingängigen Pop und zeitgenössischen R&B. Die emotionale Tiefe ist spürbar. Besonders hervorstechend sind die kraftvollen Vocals in Songs wie „Colorful“ und „For This Love“.
Die zarte Seite ihrer Stimme zeigt sich in den subtilen Piano-Balladen. „I’ll Never Know Why“ ist so ein Moment. Getragen von Streichern statt von großen, kraftvollen Tönen, zeigt dieser Song ihre stimmliche Kontrolle auf leise, subtile Weise.
Die Hymnen der Selbstbehauptung
Doch dieses Album besitzt auch eine kämpferische Seite. Das düster kraftvolle „I Don’t Care“ richtet sich gegen Täter und Gaslighter. Es fungiert zugleich als empowernder Schlachtruf für alle, die Ähnliches erlebt haben. Der Moment völliger Stille direkt vor der zweiten Strophe verleiht dem Song eine nötige dramatische Wirkung, ohne jemals ins Übertriebene abzugleiten. Solche Entscheidungen zeigen, wie reif die Produktion des Albums ist.
Eine weitere herausragende Single ist „Believe In Magic“. Sie nimmt einen beschwingten, optimistischen Ton an. Mit groovelastigem Rhythmus und einer Hommage an Sade Adu handelt der Song davon, dem Stress des Lebens durch Liebe und Beziehungen zu entfliehen.
Die bluesige Linie setzt sich im temperamentvollen „Threw It Away“ fort. Dieser Track sticht besonders zwischen den leiseren Momenten hervor. Er thematisiert eine vergangene Beziehung. Die intensiven, bluesigen Emotionen machen ihn zu einem Album-Highlight. Fans von Jessie J’s Power-Vocals kommen im weiträumigen, bluesigen „Colorful“ voll auf ihre Kosten. Hier erreicht sie die hohen Töne problemlos.
Kompliziert und befreit
Die Zusammenarbeit mit Kreativpartnern wie Ryan Tedder (OneRepublic, Beyoncé, Adele), Jesse Boykins III und Los Hendrix (SZA, Brent Faiyaz) verleiht den 16 Songs zusätzliches Gewicht und eine moderne Note. Der Song „No Secrets“ ist ein sehr persönlicher Track. „They don’t see me when I’m crying“ singt sie über dem geschmeidigen, entspannten R&B-Groove. Er wird für seinen zeitgenössischen R&B-Sound gelobt.
Der Titel „Complicated“ fasst die Entwicklung der Künstlerin perfekt zusammen: „I’m OK with being complicated“ erklärt sie dort. Der Song verzichtet auf Percussion. Ihre Stimmperformance erzeugt jedoch selbst den rhythmischen Antrieb. Das ist stimmliche Freiheit.
Der Spannungsbogen des Albums spiegelt ihre persönliche Geschichte wider, besonders ihren Weg durch die Überwindung von Brustkrebs. Die Energie scheint sich im Verlauf der Platte immer weiter aufzubauen. „For This Love“ ist elegant, sinnlich und verspielt. Jessie J präsentiert hier beeindruckende Vocal-Runs, unterstützt von einem Chor aus Background-Vocals.
Selbst die stärker Pop-orientierten Songs besitzen musikalischen Tiefgang. „Living My Best Life“ trägt einen entspannten 80er-Jahre-Pop-Charme, geprägt von Synths. Das lebhafte „H.A.P.P.Y.“ bestätigt ihre Soul-Diva-Qualitäten.
Den Höhepunkt und Abschluss bildet der introspektive, stille Moment. „The Award Goes To“ ist der abschließende Track. Er ist erhebend und befreiend. Es ist der perfekte Schlusspunkt für eine Künstlerin, die für das Überwinden von Lebenserfahrungen zweifellos einen Preis verdient hat. Don’t Tease Me With A Good Time ist nicht nur eine Rückkehr; es ist eine beispiellose musikalische und persönliche Errungenschaft.











