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INTERVIEW MIT JAFAR PANAHI zum Filmstart „Ein einfacher Unfall“

Ein einfacher Unfall

In diesem exklusiven Gespräch gibt der Regisseur Jafar Panahi tiefe Einblicke in sein Schaffen. Der Film Ein einfacher Unfall verarbeitet seine eigenen Erfahrungen mit dem System im Iran. Interview von Jean-Michel Frodon. Übersetzung aus dem Persischen ins Englische: Massoumeh Lahidji

Frage: Was ist seit deinem Film No Bears von 2022 in deinem Leben passiert?

Jafar Panahi: Ich habe eine neue Phase als Filmemacher begonnen. Von meinem ersten Film aus dem Jahr 1995 bis zu Offside konzentrierte ich mich auf meine Herausforderungen als Regisseur. Natürlich gab es Druck, aber ich konnte Lösungen für filmische Probleme finden. Nach meiner ersten Verhaftung im Jahr 2010 verlagerte sich mein Fokus auf meine persönlichen Umstände. Meine Kamera wandte sich nun nach innen, auf das, was ich erlebt habe. Jetzt verspüre ich das Bedürfnis, wieder nach außen zu schauen. Die Kamera richtet sich wieder auf die Welt, aber mit einem anderen Blickwinkel als zuvor.

Frage: Würdest du sagen, dass deine beiden Haftstrafen prägend für die Entwicklung deiner Arbeit waren?

Jafar Panahi: Ja, aber nicht auf dieselbe Weise. Bei der ersten Inhaftierung kam ich für 15 Tage in Einzelhaft. Ich sah kaum jemanden. Aber während meiner zweiten Haftstrafe war ich unter vielen anderen Gefangenen. Ich führte lange Gespräche mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Als ich nach meinem Hungerstreik entlassen wurde, fühlte ich mich desorientiert. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung und meiner Verbundenheit mit denen, die ich zurückgelassen hatte. Diese Spannung begleitet mich bis heute.

Frage: Du sagst, die Beschränkungen wurden aufgehoben. Ist das offiziell?

Jafar Panahi: Ja, das Urteil wurde offiziell aufgehoben. In der Praxis bleibe ich jedoch weiterhin außen vor. Es wäre sinnlos, das Drehbuch den Behörden zur Genehmigung vorzulegen. Daher arbeite ich weiterhin außerhalb des Systems.

Frage: Würdest du sagen, dass Ein einfacher Unfall eine unmittelbare Reaktion auf deine zweite Inhaftierung war?

Jafar Panahi: Auf jeden Fall. Meine Filme beschäftigen sich immer mit meiner unmittelbaren Umgebung. Die sieben Monate im Gefängnis finden natürlich ihren Weg in meine Arbeit. Die zweite Gefängniserfahrung hinterließ tiefe Spuren. Ich fühlte mich verpflichtet, einen Film über diese Menschen zu drehen. Ich war ihnen diesen Film schuldig. Dies deckt sich mit den Entwicklungen in der iranischen Gesellschaft, besonders mit der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“.

Frage: Wie lässt sich eine solche Erfahrung in einen Film umsetzen?

Jafar Panahi: Die Initialzündung kam schnell. Ich fragte mich, was passiert, wenn man plötzlich seinem Folterer gegenübersteht. Diese Frage war der Auslöser für den Schreibprozess. Die Authentizität der Geschichten war mir dabei entscheidend wichtig. Ein Freund, der selbst viel Zeit im Gefängnis verbrachte, half bei den Dialogen. Er wusste, wie unterschiedlich Menschen über die Haft sprechen.

Frage: Würdest du sagen, dass Figuren wie Vahid oder Shiva bestimmte Personen repräsentieren?

Jafar Panahi: Die Geschichten basieren auf realen Ereignissen. Auch die Vielfalt der Reaktionen ist echt. Einige werden gewalttätig, andere denken über langfristige Strategien nach. Vahid repräsentiert einen Arbeiter, der einfach nur seinen Lohn einforderte. Seit dem Tod von Mahsa Amini hat sich die Ablehnung des Regimes weit verbreitet. Die Szenen im Film spiegeln die heutige Realität wider. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.

Frage: Konntest du diesmal offen drehen oder musstest du heimlich filmen?

Jafar Panahi: Ich musste dieselben geheimen Methoden wie früher anwenden. Kurz vor Ende der Dreharbeiten verlangten Zivilbeamte das Filmmaterial. Ich weigerte mich standhaft. Sie drohten der Crew mit Verhaftung, aber gaben am Ende auf. Wir setzten die Dreharbeiten nach einer Pause einfach fort.

Frage: Ist es wichtig zu wissen, wo der Film spielt?

Jafar Panahi: Nein. Wir haben in Teheran gedreht, aber der Film könnte überall spielen.

Frage: Wer sind die Darstellerinnen und Darsteller?

Jafar Panahi: Vahid Mobasseri spielt die Hauptrolle. Er arbeitet eigentlich für einen Fernsehsender und fährt Taxi. Maryam Afshari ist im echten Leben eine Karate-Kampfrichterin. Nur Ebrahim Azizi ist ein professioneller Filmschauspieler. Er arbeitet jedoch ausschließlich an Filmen außerhalb des offiziellen Systems.

Frage: War irgendetwas davon improvisiert?

Jafar Panahi: Nein, alles stand so im Drehbuch. Ich baute zu jedem Darsteller ein Vertrauensverhältnis auf. Wir arbeiteten auf der Grundlage eines gemeinsamen Engagements zusammen.

Frage: Ein einfacher Unfall unterscheidet sich stilistisch deutlich von deinen früheren Filmen. Hast du das geplant?

Jafar Panahi: Während der Dreharbeiten wollte ich mehr Freiheit in der Bildgestaltung. Die Regie musste ausdrucksstärker sein. Ich achtete darauf, den Verdächtigen Eghbal meist allein im Bild zu zeigen. Erst am Ende erscheint er gemeinsam mit Shiva in einer Aufnahme.

Frage: Im Abspann werden alle Namen genannt. Ist das nicht gefährlich?

Jafar Panahi: Alle Beteiligten wollten, dass ihr Name erscheint. Die meisten begleiten mich auch nach Cannes.

Frage: Besteht die Gefahr, dass ihr nicht in den Iran zurückkehren könnt?

Jafar Panahi: Ich kann nirgendwo anders leben. Mir fehlt der Mut zur Auswanderung. Ich tauge nicht dazu, außerhalb des Iran zu leben. Wir werden sehen, was passiert. Jedenfalls musste dieser Film gedreht werden. Ich trage alle Konsequenzen.

Zu Verfügung gestellt von MUBI

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