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Joji Piss in the Wind Vinyl: Melancholie auf dem Plattenteller

Joji Piss in the Wind Vinyl: Review zum neuen Album

Joji Piss in the Wind Vinyl: Review zum neuen Album

Manchmal braucht man Musik, die sich wie ein grauer Novemberregen anfühlt – kühl, distanziert, aber irgendwie tröstlich. Genau dieses Gefühl vermittelt mir der Joji Piss in the Wind Vinyl Release, den ich mir heute Abend in aller Ruhe gegönnt habe. Nach seinem Abschied von 88 Rising ist es Jojis viertes Album und es wirkt wie ein Befreiungsschlag, der gleichzeitig tief in der gewohnten Melancholie versinkt. Beim Hören der Joji Piss in the Wind Vinyl wird schnell klar: Der Künstler möchte endgültig als ernsthafter Musiker wahrgenommen werden. Er spielt mit negativen Räumen und minimalistischen Strukturen, die auf dem warmen analogen Medium eine ganz besondere Tiefe entfalten. Es ist ein Album, das nicht gefallen will, sondern einfach nur existiert.

Experimentelle Ausbrüche und aggressive Vibes

Was mich beim ersten Durchgang am meisten überrascht hat, ist die Produktion. Joji verlässt hier oft die schläfrigen Pfade seiner Vorgänger. Der Opener „PIXELATED KISSES“ knallt mit verzerrten Synths und Drums direkt in den roten Bereich – ein echter Wachmacher! Besonders stark wird es, wenn die Produktion düster und fast schon aggressiv wird. Auf „Sojourn“ haben Kenny Beats und Dylan Brady einen Darkwave-Soundteppich gewebt, der perfekt für einsame Nachtfahrten durch die Stadt ist. Auch Yeat bringt auf „Rose Colored“ eine interessante Energie mit ein. Es ist faszinierend zu sehen, wie Joji hier Einflüsse von Playboi Carti oder Bladee verarbeitet, ohne seine eigene, unterkühlte Identität komplett aufzugeben.

Die Zerbrechlichkeit der Balladen

Trotz der neuen, lauten Töne bleibt Joji im Kern der König der Balladen. „Last of a Dying Breed“ galoppiert mit Orgel-Akkorden förmlich dem Sonnenuntergang entgegen. In „Love Me Better“ zeigt er zudem eine beeindruckende stimmliche Range zwischen Bariton und Falsett. Dennoch gibt es Momente, in denen die Songtexte fast schon zu schlicht wirken. „Past Won’t Leave My Bed“ grenzt für mich gefährlich an Radio-Schmalz. Im Duett mit Giveon bei „Piece of You“ merkt man erst richtig, wie viel mehr Pathos ein emotionalerer Sänger aus diesen Zeilen hätte herausholen können. Joji bleibt oft klinisch und unnahbar, was einerseits seinen Charme ausmacht, andererseits aber eine echte emotionale Verbindung manchmal erschwert.

Minimalismus als künstlerische Entscheidung

Die Struktur des Albums ist mutig: 14 Interludes stehen nur 7 vollen Songs gegenüber. Viele Stücke wie „Fade to Black“ wirken eher wie flüchtige Gedanken als wie fertige Statements. Das kann frustrierend sein, aber ich empfinde es als ehrlich. Joji dehnt Ideen nicht künstlich aus, nur um die Spielzeit zu strecken. Die zweite Hälfte der Platte wirkt gesetzter und trauriger, als hätte er aufgehört, vor seinen Gefühlen wegzulaufen. „Sojourn“ und „DYKILY“ fühlen sich endlich „fertig“ an und zeigen, dass die Zurückhaltung davor eine bewusste Wahl war. Es ist ein Album des Loslassens, das darauf vertraut, dass der Hörer die Bedeutung auch in den kleinsten Momenten findet.

Mein persönliches Fazit zur Vinyl

Die Joji-Platte ist definitiv kein „Flashy“-Album. Es ist unterkühlt, manchmal frustrierend anonym, aber in seiner Verweigerung, größer zu sein als nötig, seltsam tröstlich. Das Vinyl-Format tut den atmosphärischen R&B-Produktionen extrem gut, da die Bässe und die Lo-Fi-Elemente organischer wirken. Wer auf poetische Meisterwerke hofft, wird enttäuscht sein – die Texte bleiben oft an der Oberfläche von Liebeskummer-Klischees hängen. Doch wer die „Vibe-Kultur“ liebt und Jojis distanzierten Gesang als Teil des Gesamtkunstwerks sieht, wird dieses Album lieben. Es ist eine Platte für die blauen Stunden, die zeigt, dass Joji seinen Platz im „Sadboy Hall of Fame“ zwar noch nicht ganz sicher hat, aber hartnäckig darum kämpft.

Joji Piss In The Wind
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