Wenn man das neue Maiija Album What If zum ersten Mal aus der Hülle zieht, spürt man sofort: Hier geht es um das Wesentliche. Die Aufmachung der Vinyl ist angenehm dezent gestaltet. Das schwarze Vinyl wirkt klassisch und edel, der Fokus liegt ganz klar auf der Musik und nicht auf optischen Spielereien. Ein kleiner Wermutstropfen für Text-Liebhaber wie mich ist das Fehlen der Lyrics auf dem Inlay. Dafür werden aber alle Mitwirkenden gebührend gewürdigt. Es ist ein ehrliches, physisches Produkt für Menschen, die das Ritual des Auflegens noch schätzen. Schon beim ersten Nadelaufsetzen wird klar, dass das Maiija Album What If eine erwachsene Platte ist. Marilies Jagsch, die seit 15 Jahren die Wiener Kulturszene prägt, verzichtet hier auf jegliche Newcomer-Unsicherheiten. Unter der Regie von Produzent Peter Paul Aufreiter ist ein Werk entstanden, das durch seine schlüssige Dramaturgie und eine beeindruckende stilistische Breite besticht. Es ist ein Album, das Nähe fordert und den Hörer mit einer emotionalen Tiefe belohnt, die lange nachwirkt.
Ein opulentes Klangspektrum zwischen Jangle- und Chamber-Pop
Musikalisch weitet Maiija den Blickwinkel deutlich aus. Während das Debüt „I Am“ noch stärker mit elektronischen Elementen spielte, wirkt „What If“ organischer und opulenter arrangiert. Der Einstieg gelingt mit klassischem Jangle-Pop-Setting fast leichtfüßig. Doch spätestens bei Tracks wie „Envision“ entfaltet sich ein faszinierendes Panorama aus Chamber- und Dreampop. Ein entscheidender Faktor für diese klangliche Eleganz ist der Cellist Lukas Lauermann. Seine Arrangements verleihen den Songs eine fast schon dramatische Tiefe und einen festen Kontext. Im weiteren Verlauf der Platte gesellen sich Bläser, Chöre und sogar psychedelische Partien hinzu. Dennoch wirkt das Album nie überladen. Es ist eine Gratwanderung zwischen Verletzlichkeit und Stärke, die Maiija meisterhaft beherrscht. Wer Einflüsse von Suzanne Vega oder die Brillanz einer Björk mag, wird sich hier sofort zu Hause fühlen. Die Produktion ist sauber durchdacht, lässt aber genug Raum für kleine Brüche und Spannungen.
Vom Persönlichen zum Universellen: Texte mit veristischer Kraft
Inhaltlich geht Marilies Jagsch mutige Wege. Sie weitet den Blick vom rein Persönlichen auf das Universelle aus und lotet die Möglichkeiten des Menschseins aus. Dabei scheut sie sich nicht, schwierige Themen wie chronische Krankheiten anzusprechen. In der Single „Recover“ verarbeitet sie ihren langen Weg mit Endometriose – ein Thema von enormer veristischer Kraft. Auch gesellschaftliche Kritik findet ihren Platz. Im Song „Defy“ rechnet sie mit einer Anmut mit sexistischen Strukturen ab, die man bei vielen ihrer KollegInnen oft vermisst. Es ist diese Mischung aus morbider Melancholie und kämpferischer Note, die das Album so besonders macht. Ihre Stimme klingt dabei mal fragil, mal bestimmt, aber immer unglaublich nah. Man hat das Gefühl, dass hier nicht gesungen wird, um zu beeindrucken. Vielmehr geht es darum, etwas wirklich Wahres auszudrücken. Das Album stellt die existenzielle Frage „Was wäre, wenn?“ und lässt die Antworten wie einen Fluss durch die Landschaft mäandern.
Ein sanfter Riese des österreichischen Indie-Pop
„What If“ ist ohne Frage ein großer Wurf. Es ist eine Platte für Menschen, die Musik als emotionalen Raum verstehen. Wer bereit ist, Geduld und Aufmerksamkeit zu investieren, wird mit einem „sanften Riesen“ belohnt. Die Songs enden oft in erhebenden Hymnen wie „Liberate“ oder „Resist“, die eine beeindruckende Grandezza ausstrahlen. Maiija hat ihren kreativen Weg endgültig gefunden. Die Zurückhaltung der Künstlerin im Brotberuf als Verlagslektorin spiegelt sich in der Sorgfalt ihrer Texte wider. Alles wirkt reduziert und klar, ohne glattgebügelt zu sein. Das Album ist ein gefühlvolles Glanzlicht des österreichischen Indie-Pop im Jahr 2026. Es ist eine Einladung zum Innehalten, Nachdenken und Mitfühlen. Für Fans von anspruchsvoller, handgemachter Musik ist dieses Vinyl-Release ein absolutes Muss.

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