Start / Reingehört / Rosa Hoelger: Für immer Gummistiefel – Die Vinyl-Review zum Debüt

Rosa Hoelger: Für immer Gummistiefel – Die Vinyl-Review zum Debüt

Was für ein herrlicher Brocken Musik, den Rosa Hoelger uns da mit „Für immer Gummistiefel“ vor die Tür gestellt hat. Ich sitze hier gerade in meinem Lieblingssessel, die Nadel senkt sich auf das schwarze Gold, und während das erste Knistern des Vinyls in den Raum schleicht, muss ich schmunzeln. Der Titel klingt ja erst mal nach einer Mischung aus Kindergeburtstag und Landlust-Idylle, aber wer hier seichte Kost erwartet, wird schon beim ersten Track eines Besseren belehrt.

Es ist das Debüt-Album einer Künstlerin, die ich – Hand aufs Herz – erst seit Kurzem auf dem Schirm habe, die mich aber mit einer Wucht erwischt hat, die ich im deutschen Liedermacher-Genre lange vermisst habe. Erschienen am 6. Februar 2026 bei unserallereins, ist dieses Album für mich jetzt schon das erste große Highlight des Jahres.

Das haptische Erlebnis: Wenn die Nadel tanzt

Vinyl ist für mich keine bloße Form der Musikkonservierung, es ist ein Ritual. Das Cover von „Für immer Gummistiefel“ wirkt genauso, wie die Musik klingt: DIY, authentisch, ein bisschen „rar & roh“, wie Rosa es selbst auf Insta beschreibt. Wenn man die Platte aus der Hülle zieht, spürt man die Ambition, die hinter diesem Projekt steckt. Es ist ihr erstes echtes Band-Album, und das hört man jedem Rillen-Zentimeter an. Die Spieldauer von knapp 48 Minuten ist perfekt – lang genug, um abzutauchen, kurz genug, um nicht an Fokus zu verlieren.

Seite A: Von Matsch und Melancholie

Der Opener „Gummistiefel“ fegt sofort alle Vorurteile weg. Das ist kein lustiger Schlager, das ist elektrischer Psych-Pop mit einer Attitüde, die mich eher an die frühen Tage der NDW oder eine junge Nina Hagen erinnert als an gemütliche Lagerfeuer-Romantik. Rosas Stimme ist ein Phänomen: Sie nuschelt sich gelangweilt durch die Strophen, nur um im Refrain eine harmonische Wucht zu entfesseln, die einen im Sessel nach hinten drückt.

Dann kommt „Sterne sehen“. Dass sie sich hier Dota Kehr an die Seite geholt hat, ist ein Ritterschlag. Die beiden Stimmen harmonieren so prächtig, dass man fast vergisst, dass wir hier „nur“ Indie-Folk hören. Es strotzt vor Lebensfreude, aber da schwingt immer dieser leicht melancholische Unterton mit, der das gesamte Album wie ein roter Faden durchzieht.

Besonders hängengeblieben bin ich bei „Papa wach auf“. Als Hörer wird man hier mit einer fast schmerzhaften Ehrlichkeit konfrontiert. Es geht um die „schaurige, traurige Erwachsenenwelt“ und Monster, die man nicht gezähmt bekommt. Die Instrumentierung mit den Streichern und dem Akkordeon gibt dem Ganzen eine Tiefe, die ich so bei einem Debüt selten erlebt habe. Es ist kein klassisches Singer-Songwriter-Geklampfe; hier wird mit Vintage-Keyboards und experimentellen Percussions eine Welt gebaut, die mich manchmal an die melancholische Erhabenheit von Element of Crime erinnert.

Seite B: Die Abgründe des Alltags

Auf der zweiten Seite wird es bissiger. „Wow du bist ein Mensch mit Ambitionen“ mit Tobias Dellit ist purer Sarkasmus. Ich musste laut lachen – das hätte eins zu eins von Bernd Begemann kommen können. Es ist dieser ironische Blick auf die Belanglosigkeiten des Alltags, der Rosa so nahbar macht.

Doch dann kommt der Song, der mich wirklich schlucken ließ: „23 Wow“. Eine Geschichte über eine Belästigung auf einem Parkplatz. Als „alter weißer Mann“ – wie es ein Kollege so schön formulierte – hört man hier Zeilen, die wehtun. Die Frage „Warum will ich nicht unhöflich sein zu wem, der nicht weiß, was Höflichkeit ist?“ hallt lange nach. Rosa vokalisiert hier Schmerz, Wut und Verletzlichkeit in einer Art Walzer-Moritat, die zum Ende hin mit Posaunen so richtig aufdreht. Das ist kein „Müsli-Liedermacher-Kram“, das ist Punk im Gewand eines Kunstliedes.

Ganz stark ist auch das Duett „Dieses verdammte Gefühl“, wieder mit Dota. Über 100.000 Streams auf Spotify? Geschenkt. Auf Vinyl klingt die Akustikgitarre so warm und nah, als säßen die beiden Damen bei mir im Wohnzimmer auf dem Teppich. Es ist die pure Reduktion, die hier den Raum füllt.

Fazit: Mehr als nur ein Debüt

Rosa Hoelger testet mit ihrer „Bande“ die Grenzen des Genres. Ist es Folk? Ja. Ist es Indie-Pop? Definitiv. Hat es Rock-Flair? Absolut. Aber am Ende ist es einfach Rosa. Sie ist eine Hippie-Punk-Tante mit klassischem Musikverständnis, die keine Angst davor hat, auch mal hässliche Wahrheiten auszusprechen.

Das Album endet mit „Winter in Spechte“ – eine herzerwärmende, winterliche Stimmung, die einen sanft aus der Platte entlässt. Ich nehme die Nadel hoch und bleibe erst mal sitzen. „Für immer Gummistiefel“ ist ein Album für Menschen, die bereit sind, hinzuhören. Die es aushalten, wenn Romantik in Kitsch kippt und wenn Probleme eben doch nicht nur „gemacht“ sind, sondern real existieren.

Wer dieses Album nur wegen des seltsamen Titels kauft, wird mit einer musikalischen Reise belohnt, die zwischen Bar-Jazz, Chanson und Indie-Rock oszilliert. Ein Sonderplatz in meiner Sammlung ist ihr sicher. Mainstream? Gott sei Dank nicht. Aber Authentizität? 100 Prozent.

Zieh deine Bahnen, Rosa. Wir hören zu.

Weitere Plattenreviews

Markiert: