Start / Gesicht & Geschichte / Helena Delphi Interview Wanderer: Die Kraft, die eigene Geschichte zu erzählen

Helena Delphi Interview Wanderer: Die Kraft, die eigene Geschichte zu erzählen

Helena Delphi Unendliche Geschichte

10 Fragen zum Album „Wanderer“ & ihrer Geschichte

  1. Das späte Debüt: Du veröffentlichst dein erstes Album mit 37 Jahren. Inwiefern war dieses Alter notwendig, um die „Wunden in Weisheit“ zu verwandeln, von denen deine Texte erzählen?

Ich habe Zeit gebraucht um den Mut zu finden, mein wahres Ich zu zeigen, hab zwar schon immer Musik gemacht doch ich hab mich meistens hinter irgendwelchen Masken versteckt. Ich hätte meine Geschichte vor 15 oder 20 Jahren noch nicht wahrhaftig erzählen können. Da wäre ich entweder dem Opfermodus verfallen oder wäre unauthentisch gewesen. Jetzt bin ich ready. 

  1. Die Pippi-Langstrumpf-Philosophie: Du sagst, du machst dir die Welt, wie sie dir gefällt. Wie schaffst du es, diesen Optimismus zu bewahren, wenn du gleichzeitig in Songs wie „Lola“ den „Dreck unter dem Teppich“ sezierst?

Ich glaube, dass wir die Welt nur zum positiven verändern können, wenn wir wirklich hinschauen. Wenn wir uns bewusst werden, was falsch läuft und das anerkennen.

Verdrängung hat noch nie wahrhaftige Veränderung bewirkt – im Gegenteil. Dann bleiben die Dinge wie sie sind. Diese Gewissheit hilft mir, trotz all der Dunkelheit, die unser Leben manchmal prägt, den Optimismus nicht zu verlieren. Ich weiß einfach, dass Hinschauen dazu gehört. Wenn ich mit Freunden rede, die gerade Probleme haben sag ich manchmal: „Weißt du, du musst die Scheiße in die Hand nehmen, um sie aus dem Haus zu tragen.“ Und so halte ich das auch mit mir selbst. 

  1. Transgenerationale Traumata: Dein Album thematisiert Lasten, die über Generationen weitergegeben werden. War das Schreiben der Songs für dich ein Akt der aktiven Unterbrechung dieses Kreislaufs für deine eigenen Kinder?

Definitiv. Im Privatleben bin ich schon lange auf dem Weg einer „Cyclebreakerin“ unterwegs. Soll heißen: ich möchte Dinge in Heilung bringen, um sie nicht an die kommende Generation weiterzugeben. Dass der künstlerische Ausdruck dieses Weges so wichtig für mich sein würde, hätte ich ehrlich gesagt gar nicht gedacht. Aber ich habe im Albumprozess gemerkt, welch große Kraft darin steckt, Dinge öffentlich zu besingen und in Kunst zu verwandeln. Als Opfer von transgenerationalem Trauma empfindet man oft eine große Scham. Das Album zu machen und die Sichtbarkeit zu wählen war ein Befreiungsschlag mit dem ich mir selbst bewiesen habe, dass es nichts gibt, wofür ich mich schämen muss.

  1. Die Metapher des Wanderns: In deinem Titelsong singst du davon, dass Liebe früher „scheiße weh tun musste“. Wo genau auf dieser Wanderung befindest du dich heute – bist du bereits angekommen oder ist das „Wandern“ nun ein friedlicher Dauerzustand?

Ich glaube, dass Menschen ewig wandern. 😉 Soll heißen: Wer behauptet final irgendwo „angekommen“ oder „erleuchtet“ zu sein will meistens eher sein Ego aufpolieren oder mit online coachings sehr viel Geld verdienen. (Haha) Und gleichzeitig verändern sich die Dinge natürlich. Mein Weg ist heute ein ganz anderer als vor 20 Jahren. Ich sehe sehr viel mehr Licht. Mein Nervensystem ist dauerhaft entspannter und ich bin gesünder als ich es je war. Dafür bin ich sehr dankbar.

  1. Vom Jazz zur Selbstwirksamkeit: Du hast Jazz studiert, dich dort aber nicht gefühlt. Was hat dir der Pop-Kontext gegeben, was dir die Welt der „instrumentalen Wunderkinder“ nicht bieten konnte?

Ich habe grundsätzlich ein Problem damit wenn Musik akademisiert wird. Für mich sind Songs etwas, was ich fühlen und weniger verstehen muss. Wenn das Gefühl im Kontext musikalischer Technisierung verschwindet und man Solos ausschließlich spielt, um zu zeigen wie gut man die Skalentheorie gelernt hat, läuft was falsch. Das heißt natürlich nicht, dass das im Hochschulkontext grundsätzlich passiert oder das jeder der Musik studiert kein Gefühl mehr hat. Es ist nur etwas, was ich teils beobachtet habe und womit ich mich nicht identifizieren kann. Ich schreibe lieber ehrliche und einfache Texte und Melodien, die nichts beweisen müssen.

  1. Kapitalismuskritik: „Man kann Glück nicht in Onlineshops kaufen“ – ist dieser Satz auch ein Plädoyer für eine Rückkehr zur mentalen Gesundheit in einer Welt, die uns ständig Ablenkung verkaufen will?

Auf jeden Fall! Ich denke die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir unseren seelischen Problemen nicht mit kapitalistischer Zerstreuung begegnen würden.

Leider ist die Illusion, wir könnten Erfüllung ausserhalb unserer Selbst finden sehr weit verbreitet. Ich hab da mein Leben lang drunter gelitten und ich würde auch nicht behaupten, dass ich frei davon bin, bin nur auf dem Weg und versuche, bewusster zu Leben. Ich glaube, dass das unser aller Verantwortung ist.

  1. Die Rolle als Mutter: Dein Sohn hat dich noch einmal in deine eigene Geschichte zurückgeworfen. Wie hat die Mutterschaft den Blick auf deine eigene Kindheit und somit auch den Sound von „Wanderer“ verändert?

Wenn man Kinder hat, wird einem die Schwere der Gewalt, die man selbst als Kind erlebt hat, erst richtig bewusst. Bevor ich Mutter wurde, waren die Dinge wie unter einem Nebel. Doch plötzlich ist da dieses unschuldige und hilflose Wesen, das dich irgendwie an dich selbst und deinen unschuldigen Kern erinnert – und zack: Kommt alles wieder hoch. In diesen Momenten – wenn du von deinem Kind getriggert bist . hast du die Wahl: Will ich das, was hochkommt verdrängen und an mein Kind weitergeben oder will ich Verantwortung übernehmen und den Kreis durchbrechen? 

  1. Das Orakel von Delphi: Dein Künstlername ist mit einer Reise nach Griechenland verbunden. Gab es an diesem Ort einen Moment der Klarheit, in dem dir bewusst wurde, dass deine Geschichte erzählt werden muss?

Ich kann jedem nur raten mal an diesen magischen Ort zu reisen. Das Orakel von Delphi liegt in den griechischen Bergen und ich bin 2023 gemeinsam mit meinem Sohn zum Sonnenaufgang dort hoch gewandert. Hinter uns lagen knapp 3tausend Kilometer mit dem Wohnmobil und ehrlich gesagt lagen meine Nerven ziemlich blank weil ich als alleinreisende Frau mit vielen Ängsten zu kämpfen hatte. Am Tag als wir ankamen, stand ich heulend vor diesem alten Tempel und hab irgendwie gewusst, dass ich meine Geschichte erzählen muss.

  1. Kein Fingerzeig: Du betonst, dass kein Song darauf abzielt, jemanden zu beschuldigen. Wie schwer war es, die Zuneigung in Songs zu finden, die von häuslicher Gewalt und dem Schweigen des Vaters handeln?

Es war schwer für mich, die Wahrheit meiner traumatischen Geschichte offen zu legen ohne gleichzeitig das Gefühl zu haben, jemanden bloßzustellen.

Auch, wenn ich keinen Kontakt zu meinen Eltern habe, hege ich keinen Groll gegen sie. Ich kann heute verstehen, warum Dinge passiert sind und wie schwer die Kämpfe waren, die meine Eltern mit ihrer eigenen Dämonen ausgetragen haben.

Das macht nichts ungeschehen. Das beschönigt nichts. Doch es schenkt mir den Frieden, den ich verdient habe. Den zu finden, hat lange gedauert.

  1. Buch & Album: Parallel zum Album erscheint ein Buch. Inwiefern ergänzen sich die geschriebenen Worte und die „zart hingetupften Hymnen“ – gibt es Dinge, die man nur singen, aber nicht schreiben kann?

Es gibt komplexe Zusammenhänge und Hintergründe, für die ich ein paar mehr Worte niederschreiben musste. Meine Songs sind sehr poetisch – sie funktionieren in Metaphern und zwischen den Zeilen – deshalb war es mir wichtig, die Tiefe der jeweiligen Themen in einem Begleittext festzuhalten. „Freddie“ zum Beispiel ist ein Skit, der von dem Gefühl handelt, sich selbst zu verlieren. „Wo bist du? In welcher Dimension, wo bist du?“ Singe ich im Song. Wenn man begleitend im Buch etwas über Panikattacken, Dissoziation und Kontrollverlust aufgrund von Traumareaktionen liest, kann man das noch besser verstehen.

Helena Delphi Nebel Single
Album bestellen
Markiert:

Social Icons

Unsere Themen

error: Unserer Content ist gesichert !!