Mit ihrem Debütalbum „Favourite Girl“ verbindet CEVIL rohe elektronische Popmusik mit provokanten Texten, verletzlichen Momenten und einer gehörigen Portion Experimentierfreude. Eine Platte, die sich nicht beim ersten Hören vollständig erschließt – und gerade deshalb im Gedächtnis bleibt.
Manchmal braucht es mehrere Durchgänge, bis ein Album seine Geheimnisse preisgibt. Bei CEVILs „Favourite Girl“ war das bei mir definitiv der Fall. Inzwischen habe ich die schwarze Vinyl-Ausgabe dreimal komplett gehört und entdecke trotzdem immer wieder neue Facetten. Mein erster Eindruck lässt sich in drei Worten zusammenfassen: mutig, roh und experimentierfreudig.
Die dänische Sängerin, Songwriterin und Produzentin aus Kopenhagen veröffentlicht mit „Favourite Girl“ ihr Debütalbum. Zwischen synthetischen Popklängen, verzerrten Gitarren, elektronischen Experimenten und eingängigen Melodien entsteht ein Sound, der sich nicht bereitwillig in eine Schublade stecken lässt. Dabei sind für mich auch Einflüsse des Dark Pop der späten Neunzigerjahre hörbar. CEVIL verbindet Vertrautes mit Brüchen, die überraschen, irritieren und neugierig auf den nächsten Song machen.
Schwarz, Rot und eine selbstbewusste Ästhetik
Schon die physische Ausgabe macht deutlich, dass hier eine Künstlerin mit einer starken Persönlichkeit am Werk ist. Das glänzend schwarze Cover mit dem provokanten Porträt von CEVIL zieht den Blick auf sich, ohne viel erklären zu müssen. Beim Öffnen der Verpackung folgt ein deutlicher Kontrast: Ein rot ausgeleuchtetes Porträt auf dem Inlay setzt einen neuen visuellen Akzent. Die Rückseite mit den Songtiteln und dem Namen der Künstlerin vervollständigt das Artwork.
Die Gestaltung wirkt durchdacht und überlädt die Sinne nicht. Das gefällt mir besonders, weil die Musik selbst genau das Gegenteil tut: Sie fordert Aufmerksamkeit, überrascht mit plötzlichen Wendungen und lässt kaum Zeit, sich bequem zurückzulehnen.
Auch der beiliegende Einschub mit den Lyrics verdient ein Lob. Ich freue mich immer, wenn Künstlerinnen und Künstler ihren Veröffentlichungen die Texte beilegen. Gerade bei einem Album wie „Favourite Girl“ lohnt es sich, genauer hinzuhören und sich mit den Aussagen hinter den Songs auseinanderzusetzen.
Ein warmer Vinyl-Sound trifft auf musikalische Unruhe
Klanglich überzeugt mich die schwarze Vinyl-Ausgabe mit einem angenehm warmen Sound und einer aus meiner Sicht sehr gelungenen Abmischung. Die Musik selbst ist allerdings alles andere als zurückhaltend. Eingängige Melodien treffen auf elektronische Klangflächen, verzerrte Gitarren und Ausbrüche, die mit klassischen Pop-Erwartungen wenig anfangen können.
Das Album ist dabei kein Kandidat für beiläufige Hintergrundbeschallung. Beim ersten Hören lassen sich längst nicht alle Details erfassen. Erst mit den weiteren Durchgängen erschließen sich Zusammenhänge und Nuancen, die zunächst im musikalischen Durcheinander unterzugehen scheinen.
Genau hier liegt für mich sowohl die Stärke als auch die mögliche Schwäche der Platte. Wer harmonischen, stilistisch geschlossenen Pop erwartet, könnte die abrupten Wechsel zwischen zuckersüßen Melodien und lärmenden Momenten als anstrengend empfinden. Mitunter wirkt das Album unruhig oder überladen. CEVIL scheint jedoch wenig Interesse daran zu haben, ihre Musik für ein möglichst breites Publikum glattzuschleifen. Sie lässt Widersprüche zu und macht sie zum Teil ihres Ausdrucks.
„OLIVER!“: Weibliche Lust ohne Entschuldigung
Besonders deutlich wird diese Haltung bei „OLIVER!“, der Zusammenarbeit mit Vilma Crow. Der Song geht provokant, explizit und zugleich humorvoll mit weiblicher Lust um. Statt sich an traditionelle Rollenbilder anzupassen, bestimmt die Protagonistin selbst die Regeln, formuliert ihre Wünsche und nimmt sich den Raum, den sie haben möchte.
Daraus entsteht eine freche Hymne auf sexuelle Selbstbestimmung, Selbstliebe und Kompromisslosigkeit. Der Song will nicht um Erlaubnis bitten und macht gerade daraus seine Energie. CEVIL zeigt hier eine Seite, die laut, direkt und bewusst unbequem sein darf.
„Who’s Your Favourite Girl?“: Wenn Anerkennung zum Käfig wird
Der Titeltrack gehört für mich zu den stärksten Momenten des Albums. Hinter der eingängigen, energischen Inszenierung steckt eine bittere Abrechnung mit dem Wunsch, anderen um jeden Preis gefallen zu wollen.
CEVIL zeichnet das Bild einer Frau, die ihren Stolz zurückstellt und sich beinahe wie eine Puppe aufführt, um Aufmerksamkeit, Applaus und Liebe zu bekommen. Die ironische Frage nach dem Lieblingsmädchen wird damit zur Kritik an gesellschaftlichen Erwartungen und an einer Musikindustrie, die Künstlerinnen häufig auf ihre Wirkung nach außen reduziert.
Das Stück bleibt mir nicht nur wegen seiner Energie im Gedächtnis, sondern auch wegen dieses Widerspruchs: Der Song klingt selbstbewusst und fordernd, während sein Inhalt von Unsicherheit und dem Bedürfnis nach Bestätigung erzählt. Für mich landete „Who’s Your Favourite Girl?“ direkt auf der Playlist.
„CRUEL“: Die Angst hinter der kämpferischen Fassade
Mit „CRUEL“ zeigt CEVIL eine deutlich verletzlichere Seite. Die Synthie-Ballade beschäftigt sich mit Versagensangst, Orientierungslosigkeit und dem Gefühl, angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen nicht zu wissen, wie man selbst den Mund aufmachen soll.
Die Generationen vor ihr haben gekämpft, damit die nachfolgenden überhaupt ihren eigenen Weg gehen können. Doch dieses Wissen nimmt nicht automatisch die Angst, den Erwartungen nicht gerecht zu werden oder in einer großen Debatte mit der eigenen Unsicherheit aufzufliegen. Die Welt erscheint grausam, während die eigene Stimme noch nach Halt sucht.
Gerade dieser Song macht für mich deutlich, dass CEVILs Musik nicht einfach nur provozieren möchte. Hinter der Lautstärke liegen Zweifel, die nicht versteckt werden. „CRUEL“ gehört deshalb zu den Stücken, die dem Album emotionale Tiefe verleihen.
„Undetected“: Lieber unsichtbar bleiben?
Auch „Undetected“ greift eine verletzliche Seite auf. Der atmosphärische Song kreist um das Bedürfnis, mit den eigenen Unsicherheiten möglichst unbemerkt zu bleiben und sich dem Blick anderer zu entziehen.
Damit ergänzt er die selbstbewussteren Momente des Albums um eine weitere Perspektive. Nicht jede Unsicherheit lässt sich mit einer lauten Ansage vertreiben. Manchmal besteht der Wunsch schlicht darin, sich zurückzuziehen und nicht ständig beobachtet oder bewertet zu werden.
Fazit: Unvollkommen, eigenwillig und befreiend
Was bleibt nach drei kompletten Durchgängen auf Vinyl? Für mich vor allem das Gefühl, dass CEVIL eine unsichere Lebensphase in pure Energie und eine kämpferische Haltung verwandelt. „Favourite Girl“ strahlt Selbstliebe aus, ohne so zu tun, als wären Zweifel und Ängste längst überwunden.
Genau das macht dieses Album für mich besonders. Es ist roh, mutig und experimentierfreudig, manchmal beinahe überfordernd, dann wieder eingängig, frech oder überraschend verletzlich. Nicht jeder musikalische Bruch funktioniert für jedes Ohr. Wer geradlinigen Pop sucht, könnte mit der Platte Schwierigkeiten haben. Ich persönlich finde gerade ihre Unberechenbarkeit reizvoll.
„Favourite Girl“ ist kein Album, das sich beim ersten Hören vollständig erschließt. Es fordert Aufmerksamkeit und belohnt die Bereitschaft, genauer hinzuhören. In einem Popbereich, in dem vieles schnell vertraut klingt, ist das für mich eine willkommene Abwechslung.
CEVIL muss hier nicht perfekt oder unangreifbar wirken. Sie darf laut, frech, unsicher, verletzlich und kompromisslos zugleich sein. Vielleicht liegt genau darin die größte Stärke ihres Debüts: Man muss sich selbst nicht vollständig gefunden haben, um sich selbst lieben zu dürfen.
Text: JB der laufende Fotograf


















