Eine Stimme, die die Realität ausblendet: Faouzia Film Noir Tour live in Köln
Es gibt diese ganz seltenen Abende im Leben eines Musikjournalisten und passionierten Konzertgängers. Man betritt das Bürgerhaus Stollwerck in Köln und spürt bereits im Foyer eine unbeschreibliche Elektrizität. Die Intimität dieser geschichtsträchtigen Location bot den absolut perfekten Rahmen für ein ganz besonderes Highlight der Popmusik. Auf dem Programm stand die phänomenale Faouzia Film Noir Tour live in der Domstadt. Ihre außergewöhnliche stimmliche Präsenz müsste eigentlich schon längst die ganz großen Arenen dieser Welt füllen. Wenn man bedenkt, wie makellos und kraftvoll diese junge Frau jeden einzelnen Ton in den Raum schleudert, grenzt es fast an ein Privileg, sie in einem solch nahbaren Setting erleben zu dürfen.
Auf dieses Konzert freute ich mich schon eine sehr lange Zeit. Zum ersten Mal hörte ich von dieser begnadeten Sängerin, als sie ihr virales Cover von Stings Desert Rose im Internet veröffentlichte. Ich war damals sofort komplett hin und weg. Als großer Fan von Sting und seiner Musik musste ich an jenem Tag erstaunt feststellen, dass diese Künstlerin das Lied sogar noch besser interpretieren kann. Sie arbeitet mit ganz feinen Nuancen, die nur sie mit ihrem gigantischen Organ zum Besten gibt.
Deshalb machte ich mich voller Vorfreude auf den Weg nach Köln. Vor Ort erfuhr ich direkt, dass es keine Vorband gibt. Das Konzert sollte pünktlich um 20:30 Uhr beginnen. Also ging es für mich ohne Umwege mitten in die dichte Crowd.
Ein humorvoller Einstieg und der Zauber von Paris
Das Konzert begann überraschend mit einem charmanten Witz. Während die Band ihre Plätze auf der dunklen Bühne einnahm, kam auch die Sängerin in einem dicken Herbstmantel ins Rampenlicht. Sie schaute sich verwirrt um und stellte fest, dass scheinbar etwas im Ablauf falsch gelaufen war. Nach einem kurzen Lächeln ging sie noch einmal hinter den Vorhang zurück. Wenige Sekunden später zog sie den Mantel aus und erschien im strahlenden Scheinwerferlicht mitten auf der Bühne in einem wunderschönen, weißen Kleid.
Sie eröffnete den unvergesslichen Abend majestätisch mit dem Song Lost my mind in Paris. Dieses emotionale Stück zeigte mir direkt, wieso die aktuelle Konzertreise den passenden Namen Faouzia Film Noir Tour trägt. Das Opening war schlichtweg grandios. Die gesamte Crowd im ausverkauften Saal konzentrierte sich ausschließlich auf den reinen Ton ihrer perfekt ausgebildeten Stimme. Es war ein absolut atemberaubender Moment. Danach folgten Schlag auf Schlag die bekannten Hits DON’T EVER LEAVE ME, Weirdo und das Frankophone TOUS CES MOTS. Bei sehr vielen Liedern präsentierte sich das Kölner Publikum extrem textsicher. Ich kam bei den komplexen Zeilen kaum hinterher.
Stimmliche Perfektion und die Magie am Klavier
Was nach diesem fulminanten Start folgte, war eine hochemotionale Tour de Force durch eine bereits beachtliche Diskografie. Die hervorragende Live-Band harmonierte in jeder Sekunde blind mit dem fehlerfreien Gesang der marokkanisch-kanadischen Künstlerin. Besonders faszinierend war die spürbare Dynamik im gesamten Raum. Während ich mich stellenweise stark darauf konzentrieren musste, die schnellen Gesangslinien und arabisch angehauchten Tonskalen rein auditiv zu verarbeiten, sangen Hunderte Fans im Saal jede Strophe ohne Fehler mit. Bei TOUS CES MOTS erreichte die kollektive Energie einen ersten echten Höhepunkt.
Dann wurden die Lichter im Bürgerhaus Stollwerck komplett gedimmt. Faouzia nahm ganz allein an einem edlen Klavier Platz. Wer das emotionale Lied PORCELAIN einmal in dieser rohen, ungeschliffenen Version live gehört hat, versteht sofort, warum diese Ballade einen festen Platz auf jeder anspruchsvollen Musik-Playlist verdient. Das filigrane Klavierspiel kombinierte sie mit einer epischen Gesangsleistung. Diese wirkte gleichzeitig so zerbrechlich wie feines Porzellan und so kraftvoll wie ein Orkan. Das Publikum verharre in einer andächtigen Stille. Der fließende Übergang zu Beethovens Klassiker Für Elise bewies zudem ihr tiefes, fundiertes Musikverständnis. Sie schlägt mühelos die Brücke zwischen jahrhundertealter Tradition und modernem Dark-Pop.
Der absolute Gänsehaut-Moment des Abends
Und dann schlug die Stunde meines persönlichen Highlights, auf das ich so sehnsüchtig gewartet hatte. Die Bühne wurde für ein akustisches Set ganz leicht umgebaut. Begleitet von den sanften Klängen einer Akustikgitarre stimmte sie die ersten orientalischen Vocal-Akkorde an. Es folgte das epische Meisterwerk Desert Rose von Sting. Was der britische Superstar einst im Studio erschuf, transformierte die Sängerin auf der Kölner Bühne in eine fast schon spirituelle Erfahrung. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten kamen bei diesem Cover voll zur Geltung. Jedes Mal, wenn sie mühelos in die höchsten Register wechselte, lief ein kollektiver Schauer durch das gesamte Bürgerhaus Stollwerck. Das war ein rarer Gänsehaut-Moment pur, der sich tief in mein kulturelles Gedächtnis dieses Konzertjahres brennen wird.
Dass sie direkt im Anschluss Jacques Brels Chanson-Klassiker Ne me quitte pas folgen ließ, war ein genialer Schachzug. Die französische Sprache liegt ihr ebenso perfekt im Mund wie das Englische oder Arabische. Die schmerzhafte Melancholie dieses Liedes wurde von ihr mit einer solchen Intensität vorgetragen, dass man im Publikum sogar einige Tränen sehen konnte.
Ein furiose Finale und der Blick in die Zukunft
Im letzten Drittel der regulären Setlist zog das Tempo noch einmal spürbar an. Mit Don’t Tell Me I’m Pretty und dem treibenden, trotzigen Song Birthday feierte der Saal eine ausgelassene Party. Ein ganz besonderer Lichtblick war für mich das Stück we’ll have a family someday. Dieser rhythmisch extrem komplexe Song ging sofort ins Blut und hat sich seinen Platz auf meiner persönlichen Playlist redlich verdient. Faouzia bewies hier eindrucksvoll, dass sie neben epischen Balladen auch modernen, tanzbaren Uptempo-Pop mit einem unglaublichen Rhythmusgefühl beherrscht.
Als nach dem regulären Ende die ohrenbetäubenden Zugabe-Rufe durch das Gemäuer hallten, kehrte die Band unter frenetischem Jubel zurück. Das furiose Trio aus ICE, dem globalen Streaming-Hit Rip Love und dem cineastischen Meisterwerk Peace & Violence entließ eine völlig euphorische Zuschauermenge in die kölner Nacht. Die unvergessliche Faouzia Film Noir Tour hat an diesem Abend bewiesen, dass diese Ausnahmekünstlerin zu den technisch versiertesten Sängerinnen unserer Generation gehört. Ihre musikalische Weltreise hat gerade erst begonnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Intimität kleinerer Clubs den gigantischen Arena-Bühnen weichen muss.
Auf Einen Blick
- Künstlerin: Faouzia
- Tournee: Film Noir Tour
- Datum: Gestern Abend
- Location: Bürgerhaus Stollwerck, Köln
- Highlights: Desert Rose (Sting Cover), Lost my mind in Paris, PORCELAIN am Klavier
- Fazit: Ein stimmliches Phänomen in einem intimen Rahmen, das bald die ganz großen Arenen füllen wird.
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