Wenn eine Band nach fast sechs Jahrzehnten Musikgeschichte ein neues Studioalbum ankündigt, schwingt bei mir immer eine gehörige Portion Skepsis mit. Braucht es das wirklich noch? Doch als die ersten Akkorde von Deep Purple SPLAT! aus meinen Boxen dröhnten, waren all meine Zweifel sofort wie weggeblasen. Dieses Werk fesselt mich ab der ersten Sekunde mit einer rohen Energie, die ich in dieser Form schon lange nicht mehr von den Hardrock-Ikonen gehört habe. Die Band klingt hier erstaunlich frisch, unheimlich hungrig und vor allem so geschlossen wie seit den legendären Tagen der frühen 1970er-Jahre nicht mehr. Das Album ist für mich kein müder, nostalgischer Aufguss der Vergangenheit, sondern ein verdammt starkes, modernes Statement einer unsterblichen Rock-Legende.
Der pure Geist der Siebziger im modernen Gewand
Beim intensiven Durchhören schießen mir sofort unweigerlich die Meilensteine „In Rock“, „Fireball“ und „Machine Head“ in den Kopf. Deep Purple besinnen sich auf ihre absoluten Kernkompetenzen, und das tut dem gesamten Songwriting hörbar gut. Besonders die explosive Chemie zwischen dem Neuzugang Simon McBride an der Gitarre und dem erfahrenen Tastengott Don Airey reißt mich regelrecht mit. Die beiden liefern sich packende Duelle, die mich an die glorreichen Zeiten von Ritchie Blackmore und Jon Lord erinnern. Produzenten-Legende Bob Ezrin hat diesen magischen Vibe perfekt eingefangen. Er verpasst der Band einen ungekünstelten, organischen und druckvollen Sound, der zu keiner Sekunde überladen oder künstlich glattgebügelt wirkt.
Natürlich muss man auch ehrlich über den Gesang sprechen, denn Ian Gillan ist nun mal keine dreißig Jahre mehr alt. Wer hier die markerschütternden Schreie eines „Child in Time“ erwartet, wird logischerweise enttäuscht, da seine Stimme in den ganz hohen Tonlagen altersbedingt an Präzision verloren hat. Doch für mich ist genau das der größte Pluspunkt: Gillan singt mit einer unfassbaren Wärme, einer tiefen Glaubwürdigkeit und einem spitzbübischen Charakter. Seine Texte wandern geschickt zwischen humorvollem Augenzwinkern, nachdenklichen Tönen und scharfer Gesellschaftskritik. Genau diese reife Gelassenheit macht Songs wie den treibenden Opener „Arrogant Boy“, das düster-feurige „Diablo“ oder das epische „Sacred Land“ für mich zu sofortigen Highlights.
Ein geschlossenes Meisterwerk ohne den einen Überhit
Man kann der Band natürlich vorwerfen, dass sie auf Deep Purple SPLAT! kaum nennenswerte musikalische Risiken eingeht und sich stattdessen lieber im vertrauten Hardrock-Kosmos bewegt. Auch der eine, alles überragende Jahrhundertklassiker vom Format eines „Smoke on the Water“ fehlt auf der Tracklist, weshalb manche Nummern vielleicht etwas zu kompakt gestrickt wirken. Auf ausufernde, minutenlange Improvisationen und psychedelische Jam-Sessions wurde diesmal weitgehend verzichtet. Auch der Song „Jessica’s Bra“ driftet für meinen Geschmack ein kleines bisschen zu sehr in den albernen Klamauk ab und fällt qualitativ ab. Aber das ist Meckern auf absolutem Luxusniveau, denn das Album funktioniert als geschlossenes Gesamtkunstwerk einfach hervorragend.
Mein persönliches Fazit fällt daher überaus positiv und emotional aus. Deep Purple SPLAT! ist ein ehrliches, kraftvolles und vor Lebensfreude strotzendes Spätwerk, das mich tief beeindruckt hat. Es zeigt der Welt eindrucksvoll, warum diese Männer völlig zu Recht das Fundament unserer Rockmusik bilden. Sie müssen niemandem mehr etwas beweisen und genau diese spielerische Freiheit hört man in jeder einzelnen Note. Für mich ist dieses Album ein absolutes Pflichtprogramm für jeden Rockfan und ein spätes Karriere-Highlight, das noch sehr lange in meiner Playlist rotieren wird.

Auf Einen Blick
- Künstler: Deep Purple
- Album: SPLAT!
- Produktion: Bob Ezrin
- Highlights: Arrogant Boy, Diablo, The Lunatic, Guilt Trippin‘, Sacred Land
- Stil: Klassischer Hardrock mit modernen Einflüssen



















