Mikro und Manuskript: Der Titel deiner neuen EP ist ein sehr direktes und unmissverständliches Statement. Gibt es einen konkreten Moment oder Auslöser, der dich dazu gebracht hat, diesen klaren Titel und Song ganz bewusst ins Zentrum zu stellen, anstatt um den heißen Brei herumzureden?
Nadu: Ich glaube, ich wusste schon mit vier Jahren, dass es Ungerechtigkeit gibt. Dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer gesellschaftlichen Stellung unterschiedlich behandelt werden und dass das nicht richtig ist. Meine Mutter hat sich bereits aktivistisch engagiert und geflüchtete Menschen bei Asylfragen unterstützt. Ich bin also mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass man Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen muss. Für mich ist ‚Gegen Nazis‘ deshalb keine spontane Reaktion auf eine bestimmte politische Entwicklung, sondern eine Haltung, die mich schon sehr lange begleitet. Und manchmal muss man die Dinge eben beim Namen nennen. Ich finde, wir haben gerade wirklich genug Probleme, die dadurch entstehen, dass Menschen nicht klar sagen, wogegen sie eigentlich stehen.
In deinen Songs verknüpfst du eingängigen Indie-Pop und charmante Liedermacher-Elemente mit einer harten, antifaschistischen Haltung. Warum ist es dir so wichtig, dass politische Botschaften tanzbar und radiotauglich sind, statt nur im sterilen Protest-Gewand daherzukommen?
Warum sollte politische Musik keinen Spaß machen dürfen? Ich möchte Songs schreiben, die ins Ohr gehen, die man mitsingen kann und bei denen man vielleicht erst beim zweiten Hören merkt, wie deutlich der Text eigentlich ist. Haltung muss nicht immer schwer und düster daherkommen. Ich finde es viel spannender, wenn eine eingängige Melodie auf eine klare politische Aussage trifft. Musik kann Menschen emotional erreichen, bevor sie überhaupt anfangen, über einen Text nachzudenken. Und ganz ehrlich: Wenn wir den Faschisten schon die politische Bühne streitig machen müssen, müssen wir ihnen doch nicht auch noch die Tanzfläche überlassen.
In der Pop-Landschaft dreht sich gefühlt die Hälfte aller Songs um Herzschmerz, Beziehungsdrama oder unbeschwerten Eskapismus. Kritisierst du damit auch ein Stück weit die Bequemlichkeit der modernen Musikbranche, die sich oft lieber aus gesellschaftlichen Debatten heraushält?
Nein, ich finde überhaupt nicht, dass jeder Song politisch sein muss. Ich liebe es, wenn Menschen über Liebe, Herzschmerz oder irgendwelche völlig absurden Alltagssituationen schreiben. Das Leben besteht ja nicht nur aus politischen Krisen. Aber ich finde es schade, wenn gesellschaftliche Themen in der Popmusik als zu unbequem gelten oder Künstler*innen das Gefühl haben, sie müssten sich mit ihrer Haltung zurückhalten, um möglichst niemanden zu irritieren. Wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der nicht alle Menschen die gleichen Chancen und Rechte haben. Warum sollte das in unserer Kunst keine Rolle spielen? Ich möchte Musik machen, die unterhält und gleichzeitig etwas zu sagen hat. Das eine schließt das andere überhaupt nicht aus.
Du stehst nicht nur als Musikerin auf der Bühne, sondern machst auch erfolgreich Comedy und Moderation. Wie hilft dir dieser humorvolle Background dabei, schwere Themen wie Rechtsextremismus oder gesellschaftliche Kälte transportierbar zu machen, ohne dass es an Biss verliert?
Humor ist ein ziemlich gutes Werkzeug, um Menschen zum Nachdenken zu bringen. Ich arbeite auch in Workshops zu Antidiskriminierung und Antimobbing und weiß, wie wichtig es ist, Wissen zu vermitteln und Menschen gleichzeitig zu stärken. Wenn man sich nur gegenseitig Vorwürfe macht, kommt man oft nicht besonders weit. Humor kann einen Zugang schaffen, ohne dass man die Ernsthaftigkeit eines Themas verliert. Ich finde es außerdem wichtig, Machtverhältnisse und gesellschaftliche Widersprüche auch mal ins Lächerliche zu ziehen. Man muss nicht über alles lachen können, aber man darf sich schon fragen, warum manche Dinge eigentlich als normal gelten. Und wenn ein Witz auf Kosten derjenigen geht, die ohnehin schon diskriminiert werden, ist er meistens einfach schlecht. Da kann man sich auch noch so sehr auf die Kunstfreiheit berufen.
Die Single „Ich bin laut“ feierte damals passend zum Weltfrauentag ihre Premiere und thematisierte den Ausbruch aus einengenden Strukturen. Inwiefern ist dieser Song der perfekte Brückenbauer und Vorläufer für das, was wir jetzt auf der gesamten EP hören?
Für mich geht es bei ‚Ich bin laut‘ darum, sich nicht kleinmachen zu lassen und sich den eigenen Platz zu nehmen. Das ist etwas sehr Persönliches, aber es hat auch eine politische Dimension. Wer darf laut sein? Wer wird gehört? Und wem wird ständig vermittelt, dass er oder sie lieber nicht so viel Raum einnehmen sollte? Ich finde, diese Fragen gehören zusammen. Wenn wir lernen, für uns selbst einzustehen, können wir auch eher für andere einstehen. Die EP führt diesen Gedanken für mich weiter: Es geht nicht nur darum, die eigene Stimme zu finden, sondern sie auch dann zu benutzen, wenn gesellschaftliche Entwicklungen eine klare Haltung erfordern. Manchmal reicht es eben nicht, innerlich dagegen zu sein. Man muss es auch sagen.
Kritiker ziehen oft Vergleiche zu Bands wie Wir sind Helden oder Künstlerinnen wie Dota Kehr und Antje Schomaker. Welche musikalischen Vorbilder haben dich und deinen ganz eigenen Mix aus Indie-Brit-Pop und deutscher Liedermacher-Tradition am meisten geprägt?
Ein ganz wichtiges Vorbild für mich ist Tracy Chapman. Ich finde es beeindruckend, wie sie mit ihrer Musik persönliche Geschichten, gesellschaftliche Fragen und politische Themen miteinander verbindet, ohne dass die Songs ihre musikalische Kraft verlieren. Sie muss nicht laut werden, um deutlich zu sein. Ihre Texte und ihre Stimme haben eine Klarheit, die mich sehr berührt. Ich mag Musik, die etwas erzählt und gleichzeitig eine eigene Atmosphäre schafft. Bei mir kommen dann noch meine Liebe zu eingängigen Popmelodien, Indie-Einflüsse und meine Freude an sprachlichen Pointen dazu. Ich glaube, das ergibt am Ende eine Mischung, die nicht immer in eine Schublade passt. Aber das muss sie ja auch nicht.
Du spielst vor 32.000 Menschen bei Großdemonstrationen wie „NRW bleibt sozial“, leitest aber gleichzeitig Antirassismus-Workshops an Schulen. Wie befruchten sich diese beiden Welten – die große politische Bühne und die direkte Jugendarbeit – gegenseitig für deine Kunst?
Auf einer großen Bühne vor Tausenden Menschen zu spielen, ist natürlich etwas anderes, als mit einer Schulklasse über Rassismus, Diskriminierung oder Mobbing zu sprechen. Aber für mich gehört das zusammen. Bei einer Demonstration kann man ein gemeinsames Gefühl erzeugen und zeigen, dass man mit seiner Haltung nicht allein ist. In der Workshoparbeit geht es darum, genauer hinzuschauen: Was passiert im Alltag? Wie entstehen Ausgrenzung und Diskriminierung? Und was können wir konkret dagegen tun? Mir ist wichtig, nicht nur Probleme zu benennen, sondern Menschen Wissen und Handlungsmöglichkeiten mitzugeben. Ich möchte, dass Menschen sich selbst stärken können und gleichzeitig lernen, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Eine politische Haltung zeigt sich schließlich nicht nur auf einer Bühne oder bei einer Demonstration, sondern auch darin, wie wir miteinander umgehen, wenn gerade niemand zuschaut.
Neben deiner eigenen Musik kuratierst und moderierst du in NRW und Hamburg eigene Bühnenformate, die gezielt FLINTA*- und queeren Acts eine Plattform bieten. Erlebst du hier aktuell eine echte Veränderung in der Kulturlandschaft oder kämpft man gegen Windmühlen?
Ich finde es wichtig, eigene Räume zu schaffen, wenn bestimmte Menschen in der Kulturlandschaft noch immer nicht selbstverständlich repräsentiert sind. Bei solchen Bühnenformaten geht es mir nicht nur darum, möglichst viele unterschiedliche Künstlerinnen auf eine Bühne zu stellen. Es geht auch darum, Netzwerke zu schaffen, Sichtbarkeit zu ermöglichen und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Ich freue mich über jede Entwicklung in diese Richtung, aber ich glaube nicht, dass wir schon am Ziel sind. Es kann nicht die dauerhafte Lösung sein, dass FLINTA– und queere Künstler*innen nur bei speziellen Veranstaltungen stattfinden, während die üblichen Bühnen ansonsten weitermachen wie bisher. Ich wünsche mir, dass Vielfalt irgendwann keine Sonderveranstaltung mehr braucht, um sichtbar zu werden. Bis dahin müssen wir eben weiter Räume schaffen und uns gegenseitig unterstützen.
Als queere Künstlerin mit pakistanischen Wurzeln bringst du eine Perspektive in den deutschen Pop ein, die dort nach wie vor viel zu selten repräsentiert wird. Fließen diese persönlichen Erfahrungen ganz organisch in den Schreibprozess ein, oder musst du dich bewusst dafür entscheiden, sie zum Thema zu machen?
Ich glaube, man kann die eigene Biografie nicht einfach an der Garderobe abgeben, wenn man anfängt, Kunst zu machen. Meine Erfahrungen beeinflussen natürlich, wie ich die Welt wahrnehme, welche Ungerechtigkeiten mir auffallen und welche Themen mich beschäftigen. Ich muss aber nicht in jedem Song ausdrücklich über meine Herkunft oder meine queere Identität schreiben. Ich möchte mir die Freiheit nehmen, über das zu schreiben, was mich gerade bewegt – und das kann politisch, persönlich, albern oder völlig alltäglich sein. Ich finde es wichtig, dass Menschen mit unterschiedlichen Biografien ihre eigenen Geschichten erzählen können, ohne ständig auf einzelne Aspekte ihrer Identität reduziert zu werden. Ich bin schließlich nicht nur eine Kategorie. Ich bin eine ganze Person.
Die EP ist da, die Botschaft ist laut und klar platziert. Was wünschst du dir, dass die Hörerinnen und Hörer von dieser Platte mitnehmen, wenn sie nach dem letzten Song den Kopfhörer abnehmen und wieder da draußen in ihren Alltag gehen?
Ich wünsche mir, dass die Menschen nach dem Hören nicht einfach nur denken: ‚Ja, Nazis sind schlecht‘, und dann weitermachen wie vorher. Ich möchte, dass sie sich fragen, wo sie selbst Haltung zeigen können, wann sie schweigen und wem sie im Alltag den Rücken stärken. Gleichzeitig soll die Musik Spaß machen, berühren und im Kopf bleiben. Ich möchte niemandem erklären, wie er oder sie zu leben hat. Aber ich möchte dazu ermutigen, genauer hinzuschauen und sich nicht mit Gleichgültigkeit zufriedenzugeben. Wir können nicht jede Ungerechtigkeit allein beseitigen. Aber wir können entscheiden, ob wir sie hinnehmen oder ob wir etwas dagegen tun. Und manchmal fängt das eben damit an, den Mund aufzumachen.
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